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Wackersdorf: Geschichtsstunde im Kinosaal oder der Sargnagel des Franz Josef Strauß

© if... Productions_Erik Mosoni

Wackersdorf: Geschichtsstunde im Kinosaal oder der Sargnagel des Franz Josef Strauß

Die Orte sind andere, doch die Bilder, Akteure und Argumente gleichen sich. Im Hambacher Forst liefert sich RWE mit den Demonstranten aktuell ein vielleicht letztes „Rückzugsgefecht“, um das Ende der Braunkohleverstromung möglichst hinauszuzögern. Vordergründig geht es um die Rodung von 100 Hektar Wald, de facto tut der Konzern alles, um sich den absehbaren Ausstieg aus der Kohle nach Möglichkeit vergolden zu lassen. Mehr dazu hier.

Dejà Vu: Vor drei Jahrzehnten war der Schauplatz der Auseinandersetzung Bayern. Der Energieversorger hieß VEBA, ein Unternehmen, das heute unter dem Namen e.on firmiert. Es ging damals nicht um Kohle sondern um Atom, genauer gesagt um die die Wiederaufarbeitung abgebrannter Kernbrennstäbe. Wackersdorf, ein Ort in der Oberpfalz, wurde zum Symbol für den Widerstand gegen eine fehlgeleitete Energiepolitik. Der Regisseur Oliver Haffner hat den Kampf gegen die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) jetzt für die große Leinwand verfilmt.

Ins Zentrum der Geschichte rückt er den damaligen Landrat Hans Schuierer. Der sieht die Pläne der Bayerischen Staatsregierung zunächst wie ein Geschenk. Wackersdorf ist einst durch Braunkohleförderung reich geworden, doch Anfang der Achtziger werden die Bergwerke geschlossen. Für die krisengeschüttelte Gemeinde scheint die Wiederaufbereitungsanlage, die Arbeitsplätze für die ganze Region verspricht, das große Los. Doch allmählich wachsen bei Landrat Schuierer die Zweifel. Er beginnt nachzuforschen, wird zu einer der Gallionsfiguren des Widerstandes und legt sich mit der mächtigen Strauß-Regierung an. Der Plot des Spielfilms bleibt nahe an den historischen Ereignissen. Die Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK), ein Zusammenschluss der zwölf größten Energieversorger, hatte jahrelang nach dem passenden Ort für die WAA gesucht, in der jährlich 500 Tonnen Atommüll „aufgearbeitet“ werden sollen. Im Februar 1985 legt man sich auf Wackersdorf fest.

 

Fast sieben Jahre andauernde Proteste

Anwohner und Atomkraftgegner waren alarmiert. Schon 1981 gründete sich die „Bürgerinitiative Schwandorf“, 1982 demonstrierten bereits 15.000 Menschen gegen die WAA-Pläne, ab 1984 fanden regelmäßig „Sonntagsspaziergänge“ statt. Trotzdem begann am 11. Dezember 1985 die Rodung im Taxöldener Forst. Die Gegner errichten auf dem Baugelände Hüttendörfer, die von der Polizei umgehend geräumt werden. An Heiligabend standen die Hütten wieder, bis zu 1.500 Demonstranten feierten Weihnachten und Silvester bei klirrender Kälte. Der Widerstandsgeist wuchs. An Ostern gehen 100.000 Menschen zur Baustelle. Die Auseinandersetzungen werden härter: Bei den insgesamt fast sieben Jahre andauernden Protesten gegen die WAA in Wackersdorf starben zwei Demonstranten und ein Polizist, hunderte Menschen wurden verletzt, tausende verhaftet.

Spätestens durch die Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 erhielt der Kampf gegen die geplante „Plutoniumschleuder“ eine neue Dimension. Doch selbst der GAU in Weißrussland brachte die CSU-geführte Landesregierung nicht von ihren Plänen ab. Sie hielt auch nach dem Tode von Ministerpräsident Franz Josef Strauß im Oktober 1988 an der WAA fest.

Das Ende der WAA beschließt nicht die Politik, sondern die Industrie: Im April 1989 zieht sich die VEBA aus dem Projekt zurück. Im Mai werden die Bauarbeiten eingestellt . Der deutsche Atommüll wandert seither zur Weiterverarbeitung vor allem in die umstrittenen Wiederaufarbeitungsanlage im französischen La Hague.

Ob das Aus der WAA in Wackersdorf wirklich ein historischer Erfolg der Anti-Atomkraft-Bewegung war, lässt der Film offen und ist auch im Nachhinein schwer zu beurteilen. Wirtschaftliche und militärische Interessen dürften dabei ebenso eine Rolle gespielt haben wie die politischen Ereignisse der Vorwendezeit.

Oliver Haffners Film ist eine Hommage an die Anti-Akw-Aktivisten und bietet neben einer gehörigen Portion Demo-Romantik eine spannende Zeitreise in die bayrische Provinz. Dank der authentischen Ausstattung atmen die Zuschauer den rauchgeschwängerten „Flair“ der 80er Jahre. Angesichts der Debatte um den Energiewende, Klimaschutz und den dafür nötigen Kohleausstieg ist der Film geradezu ein Lehrstück dafür, dass Widerstand manchmal einen sehr langen Atem braucht.

WACKERSDORF – Ab 20. September im Kino