Kohlefrei

Sackgasse Kohle

Warum die Kohlenutzung
keine Zukunft hat

Deutschland kann sozialverträglich und ohne wirtschaftliche Probleme aus der Kohle aussteigen und so seine Klimabilanz deutlich verbessern.  Denn der nötige Strukturwandel in den betroffenen Kohleregionen hat weitgehend bereits stattgefunden. So ist die Zahl der im Bergbau Beschäftigten in den letzten dreißig Jahren bereits um über 80 Prozent auf unter 20.000 zurückgegangen. Das zeigt der Report »Sackgasse Kohle – Warum die Kohlenutzung keine Zukunft hat«, den der WWF und LichtBlick anlässlich der anstehenden Sitzung der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung vorlegen.

Der Report analysiert umfassend die Rolle der Kohle im deutschen Energiesystem – vom Strukturwandel über den Klimaschutz bis hin zur Versorgungssicherheit.

Ohne Kohleausstieg keine Energiewende

Deutschland kann nicht Energiewendeland sein und Kohleland bleiben. Deutsche Kohlekraftwerke tragen immer noch fast 40 Prozent zum deutschen Bruttostromverbrauch bei, und damit eine Strommenge vergleichbar der aus allen Erneuerbaren Energien zusammen.

Der Anteil der Kohleverbrennung an den CO₂-Emissionen des Stromsektors ist doppelt so hoch wie ihr Anteil an der Stromerzeugung, also beinahe 80 Prozent. Allein die Braunkohlekraftwerke stoßen in Deutschland drei Mal so viel CO₂ aus wie der gesamte Verkehrssektor. Schon diese wenigen Fakten zeigen, dass in der Energiewirtschaft Klimaschutz ohne Einschnitte bei der Kohleverstromung illusorisch bleibt. Zur Einhaltung des Klimaziels 2020 müsste Deutschland 150 Millionen Tonnen CO₂ einsparen, die Energiewirtschaft allein etwa zwei Drittel davon (100 Millionen Tonnen). Das wird mit jedem Monat des Nichtstuns unrealistischer.

Dennoch kann Deutschland dem Ziel für 2020 deutlich näher kommen – mit der schnellen Abschaltung einer erheblichen Anzahl alter Kohlekraftwerke, die für die Versorgungssicherheit entbehrlich sind.

C0₂-Ausstoß stagniert trotz Vormarsch der Erneuerbaren
Entwicklung der Bruttostromerzeugung (in TWh) und CO₂-Emissionen der Stromerzeugung (in Millionen t) von 1990–2017

Ein Kohleland kann nicht international Vorreiter der Energiewende sein

Deutschland zehrt im Ausland weiter vom Image eines Klimaschutz-Vorreiters, obwohl die Zweifel auch jenseits der Grenzen wachsen. Das frühe Engagement Deutschlands für die damals noch teuren und nicht ausgereiften, neuen Leittechnologien Photovoltaik und Windenergie hat maßgeblich dazu beigetragen, dass diese heute in immer mehr Regionen der Erde auch ökonomisch konkurrenzfähig werden.

Fast überall, wo aktuell mit der Energiewende begonnen wird, ist das Festhalten an den traditionellen Energien aus Kohle- und Atomkraft nun teurer als der Weg in ein nachhaltiges Energiesystem.

Deutschland ist Weltmeister – in der Braunkohleförderung
Weltweite Braunkohlefördermenge 2016 nach
Ländern (in Millionen Tonnen)

Kohle ist nicht billig und gefährdet die Gesundheit

Nicht mehr konkurrenzfähig wäre Strom aus Kohle, sobald ihm die Folgekosten für Umwelt und Gesellschaft angemessen angerechnet würden. Die Kohleverstromung gefährdet die Gesundheit durch die Luftschadstoffe, die die Kraftwerke ausstoßen. Mehr als 800.000 Menschen sterben jedes Jahr weltweit vorzeitig durch das Verbrennen von Kohle. In Europa sterben nach neueren Untersuchungen jedes Jahr fast 23.000 Menschen vorzeitig an den giftigen Abgasen von Kohlekraftwerken, fast so viele wie durch Unfälle im Straßenverkehr. Außerdem rechnet das Umweltbundesamt in Deutschland inzwischen mit Umweltkosten von 120 Euro für jede in die Atmosphäre emittierte Tonne CO₂.

Dies entspricht jährlichen Belastungen infolge der Kohleverstromung von 46 Milliarden Euro, bezogen auf das Jahr 2016. Weitere Steigerungen werden erwartet.

Kohle wird für eine sichere Stromversorgung immer weniger gebraucht

Deutschland wird einen Teil seiner Kohlekraftwerke noch einige Jahre weiter betreiben und möglicherweise nach ihrer Stilllegung auch noch für eine gewisse Frist in Reserve halten müssen. Das ist unumstritten.

Kein Umweltschützer oder Klimaaktivist fordert den „Sofortausstieg“ aus der Kohle. Und doch ist das Ende der Kohleverstromung in den kommenden Jahren machbar, ohne dass das Land Abstriche bei der sicheren Versorgung mit Strom machen muss.

Mehr Erneuerbare Energien führen nicht zu Stromausfällen
Entwicklung des SAIDIENWG-Werts* (in min/a) und Anteil der Erneuerbaren im Strommix (in %) in Deutschland von 2008–2016

Strukturwandel durch Kohleausstieg ist sozialverträglich möglich

Strukturwandel ist im gesellschaftlichen Prozess die Regel, nicht die Ausnahme. Aktuell diskutieren wir ihn in Deutschland zum Beispiel im Zusammenhang mit den zu erwartenden Umbrüchen in der Automobilbranche, die vor einem ähnlichen Strukturwandel steht wie die Braunkohlewirtschaft, mit dem Unterschied, dass ihr etwa zwanzigmal so viele Arbeitsplätze zugerechnet werden.

Viele Zechen wurden über die Jahre geschlossen. Bundesweit liegt die Zahl der direkt in der Braunkohlewirtschaft Beschäftigten im Jahr 2018 deutlich unter 20.000 und damit selbst in den betroffenen Bundesländern Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt im Promillebereich aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

Der Strukturwandel ist längst abgeschlossen
Entwicklung der Zahl der Beschäftigten im Braunkohlebergbau in Deutschland von 1960–2014

Am Kohleausstieg führt kein Weg vorbei

Ein Großteil der deutschen Kohlekraftwerke ist alt, die meisten Anlagen sind lange abgeschrieben. Es gibt überwältigende Gründe, jetzt den Ausstieg aus der Kohle einzuleiten. Die Erneuerbaren Energien machen das Energiesystem nicht mehr teurer und die alten Kohlemeiler haben kaum noch einen Wert. Sie überleben ökonomisch, weil sie das benachbarte Ausland mehr und mehr mit klimaschädlichem Strom fluten. Aber auch dies ist nur eine Phase, die irgendwann zu Ende geht, weil auch Europa und die meisten Nachbarn Deutschlands die Weichen in Richtung Energiewende stellen.

Spätestens wenn die Folgeschäden der Kohlekraftwerke in die Rechnung einbezogen werden, wird es teurer, das alte System beizubehalten. Der Unterschied zur Fortsetzung der Energiewende liegt in ihrem Ergebnis: Das konventionelle Energiesystem macht die Erde für Milliarden Menschen perspektivisch unbewohnbar, das neue erhält sie.

Die 10 schmutzigsten
Kohlekraftwerke in Europa

nach C0₂-Ausstoß 2017 (in Millionen Tonnen)

»Ein schneller und kraftvoller erster Schritt beim Kohleausstieg ist ökologisch, ökonomisch und sozial sinnvoll. Nur so können wir die Pariser Klimaziele erreichen.«

Der Report schaut sich unter anderem die tatsächlichen Kosten der Kohleverstromung an: Dabei schlagen mit 23.000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr in Europa zunächst die gewaltigen gesundheitlichen Auswirkungen zu Buche. Die Umweltkosten beziffert das Umweltbundesamt mit 120 Euro für jede in die Atmosphäre emittierte Tonne CO₂. Macht für 2016 46 Milliarden Euro. Die Kohleindustrie mit ihren Subventionen und Vergünstigungen wird im Vergleich zu den stetig billiger werdenden Erneuerbaren somit auch wirtschaftlich immer mehr zum Risiko. Autor des Reports ist der Journalist und Energieexperte Gerd Rosenkranz.