Bild: 350org, CC BY-NC-SA 2.0

Seine Biografie liest sich, als hätte er drei Leben geführt. Und ein wenig stimmt das ja auch. Am Indian Institute of Technology zum Chemieingenieur ausgebildet, setzte Sony Kapoor anschließend einen MBA in Finanzen und Marketing der Universität Dehli drauf. Er fing bei einer der größten indischen Banken an und landete schließlich in London bei den Lehman Brothers.

Noch vor dem großen Crash im Jahr 2008 stieg Kapoor aus – „Ich merkte schnell, dass es Dinge gab, mit denen ich mich unwohl fühlte“, sagte er der Zeit – und wurde zum Branchenkritiker. Er arbeitete für NGOs und beriet das norwegische Außenministerium.

Die Liste der Engagements des Finanzexperten lässt sich lange fortsetzen – in der Politik, in der Wirtschaft, in der Wissenschaft. Eine zentrale Rolle spielt dabei sicher seine Arbeit als Gründer und Geschäftsführer von Re-Define, einem Think Tank, der sich mit Finanz- und Wirtschaftsfragen befasst und Entscheidungsträger in aller Welt berät.

Re-Define arbeitet unter dem Leitsatz „Ein Umdenken in Entwicklung, Wirtschaft, Finanzen und Umwelt“, zu den Themen der Organisation gehören die Reform des Finanzsektors und Lösungen für die Eurokrise, aber auch die Entwicklung eines „grünen“ Finanzsystems.

»Derzeit kann niemand genau sagen, wie streng die Klimaschutzgesetze tatsächlich werden. Das Risiko ist aber real. Das können Investoren nicht mehr lange ignorieren.«

»Ich plädiere für die Einführung von Kohlenstoff-Stresstests. Die Unternehmen und Institute müssen offenlegen, welchen Anteil am Umsatz oder den Investments fossile Rohstoffe bei ihnen ausmachen«

Alles ist vernetzt: Finanzkrise, Fiskalkrise und Umweltkrise

Laut Kapoor befindet sich die Welt mitten in einer dreifachen Krise: einer akuten Fiskalkrise, einer Finanzkrise und einer Umweltkrise. Aus diesen drei Grundproblemen heraus müssen die Politiker ihre Entscheidungen für die Zukunft treffen.

Kapoor widmet sich derzeit auch Investitionen in fossile Energien – von denen er vehement abrät. Öl- und Kohlekonzerne werden durch Verpflichtungen zur CO2-Minderung Verluste erleiden, so Kapoor zur Wirtschaftswoche.

Bisher hätten es Klimaschützer nicht geschafft, finanzpolitische Entscheidungsträger zu erreichen, schreibt Sony Kapoor auf seinem Blog bei Re-Define außerdem. Doch er sieht inzwischen Anzeichen für ein Umdenken auch in der Finanzwelt: „Langfristig orientierte Investoren wie Staatsfonds werden sich nicht nur der finanziellen Risiken bewusst, die im Zusammenhang mit Investments in fossile Brennstoffe entstehen, sondern ebenso der enormen finanziellen Chancen, die in erneuerbaren Energien und Energieeffizienz liegen.“

Die Kohlenstoffblase droht zu platzen

Kapoor analysiert, dass sich derzeit eine regelrechte Kohlenstoffblase weiterhin aufbaut, die unweigerlich zu platzen droht. Die Gründe für das Anschwellen dieser Blase sieht er vor allem darin, dass bei den großen Unternehmen, die bislang fast ausschließlich mit fossilen Energieträgern ihr Geld verdienen, kein Umdenken stattfindet. “Ich plädiere für die Einführung von Kohlenstoff-Stresstests. Die Unternehmen und Institute müssen offenlegen, welchen Anteil am Umsatz oder den Investments fossile Rohstoffe bei ihnen ausmachen”, sagt Kapoor. 

Nur aufgrund einer solchen transparenten Aufarbeitung können die möglichen Verluste tatsächlich errechnet werden, sollten neue Kohlenstoff-Auflagen wie Quoten oder Steuern für CO²-Emissionen erlassen werden. Das Platzen dieser Kohlenstoffblase hätte auch große Auswirkungen auf Deutschland. Die Finanzwelt sei einfach zu eng miteinander vernetzt, sodass die Auswirkungen der größten Börsen, in London, Moskau oder New York auch immer in Deutschland zu spüren sein würden. 

Auch wenn keines der großen Mineralölunternehmen wie Exxon oder Shell zu Deutschland gehört, seien die Deutschen als die “großen Sparer” Europas und Investoren indirekt in die Geschäfte verwickelt. Das Risiko träfe die deutschen Unternehmen demnach gleichermaßen. Die fossile Ära ist vorbei, lautet sein Mantra. Es ist Zeit, dies zu erkennen.

Divestment: Ausstieg aus fossilen Investitionen als Lösung

Der norwegischen Regierung empfahl er, nachdem er die Kapitalanlagen des nationalen Pensionsfonds, dem größten Fonds der Welt, analysierte, in erneuerbare Energien zu investieren, statt wie bisher in fossile Energien. Die Regierung zögerte, doch folgte sie seinem Rat und experimentierte zunächst mit einem kleinen Investitions-Fonds für saubere Energien. Im Juni gab Norwegen bekannt, künftig alle Unternehmen aus dem Pensionsfonds zu streichen, die zum Großteil ihr Geld mit Kohle erwirtschafteten. Diese Entscheidung wurde von Umweltschützern auf der ganzen Welt gefeiert.

Allerdings waren es wohl weniger die hehren Absichten der skandinavischen Nation, sondern eher Kapoors Einschätzungen und progressive Marktbeobachtungen künftig nur noch in zukunftsweisende Technologien und Branchen zu investieren. Norwegen wurde über Nacht zum Mittelpunkt der Divestment-Bewegung, die sich für den Ausstieg staatlicher Investitionen in fossile Unternehmen stark macht.

“Die Investoren erkennen allmählich, dass sie mit Anlagen in Kohlenstofffirmen schon heute ein Risiko eingehen”, lautet die nüchterne Analyse von Kapoor.

Die Finanzierung der Energiewende

Der charismatische Finanzexperte besitzt Erfahrung aus sehr unterschiedlichen Lebenswegen. Arbeit für Regierungen sowie für Organisationen wie die Weltbank oder die Vereinten Nationen. Daher ist Sony Kapoor ein Mensch, auf den gehört wird. Er nutzt diese Stimme – auch im Sinne einer Energiewende in der Finanzwelt.