Foto: Alexander Luna / Germanwatch e.V., 2017

Helgoland ist die einzige deutsche Hochseeinsel. Noch. Doch das könnte sich ändern, zumindest wenn es nach dem Willen von Tennet, einem der vier Stromnetzbetreiber in Deutschland geht. Der Konzern mit Firmensitz in den Niederlanden hat ehrgeizige Pläne: er möchte in der Nordsee eine künstliche Insel aufschütten, um von hier aus die Leitungen zu den immer zahlreicheren Windparks auf hoher See zu bündeln und in die Netze der Anrainerstaaten einzuspeisen.
Als Modell existiert der Traum der holländischen Strommanager bereits. Auf seinem Sommerfest in Brüssel präsentierte der Netzbetreiber eine Miniversion seiner kühnen Pläne: als Sandburg. Die Sandkastenspiele könnten durchaus solidere Formen annehmen, denn die Idee fußt auf einer Reihe energiepolitischer Annahmen, die mehr sind als Science Fiction.

Windenergie auf hoher See boomt. Aktuell drehen sich allein im deutschen Hoheitsgebiet in Nord- und Ostsee 1.169 Rotoren. Sie verteilen sich auf 20 Windparks mit einer Gesamtleistung von 5,5 Gigawatt. Ein weiterer Ausbau ist absehbar, denn die Bundesregierung hat für 2030 ein Ziel von 15 Gigawatt ausgegeben. Das wäre fast die Verdreifachung der aktuellen Kapazitäten.

Dem WWF reicht das noch nicht. Er kalkuliert sogar mit einem Ausbau der installierten Leistung auf 27 Gigawatt. Für die im Pariser Klimaabkommen zugesagte „Dekarbonisierung“ der deutschen Energiewirtschaft und den damit verbundenen Kohleausstieg brauche man deutlich mehr erneuerbare Energien.

In den anderen Anrainerstaaten, Holland, Großbritannien, Dänemark und Norwegen ist die Situation ähnlich. Tennet rechnet bis 2040 insgesamt mit einem Ausbau auf 70 bis 150 Gigawatt allein in der Nordsee. Auch wenn hier der Wunsch des Betreibers der Vater des Gedankens sein dürfte: Ein weiterer Off-Shore-Boom ist absehbar.

»Windenergie auf hoher See boomt. Aktuell drehen sich allein im deutschen Hoheitsgebiet in Nord- und Ostsee 1.169 Rotoren.«

»Anstatt jeden Windpark einzeln mit dem Festland zu verbinden, könnte eine künstliche Insel als eine Art Knotenpunkt für die Anlagen in der Umgebung dienen. «

Eine künstliche Insel als Energieverteilkreuz

Hier kommt die Insel als eine Art Energieverteilkreuz wieder ins Spiel: Anstatt jeden Windpark einzeln mit dem Festland zu verbinden, könnte eine künstliche Insel als eine Art Knotenpunkt für die Anlagen in der Umgebung dienen. Von hier würde die Energie über Hochleistungsleitungen in die beteiligten Länder weiter fließen. Zugleich bietet sich ein solches Eiland als Stützpunkt für den Bau und die Wartung der Windparks an. Bislang rücken die Techniker mit Spezialschiffen und Hubschraubern aus, um die Anlagen in Schuss zu halten. Von einem festen Stützpunkt wäre dieser Job deutlich einfacher und kostengünstiger zu erledigen.

Mittelfristig könnte eine Insel zusätzlich interessant werden, um sogenannte „Power to X“-Lösungen voranzutreiben. Mittels Elektrolyse ließe sich Windstrom vor Ort in Wasserstoff umwandeln und relativ kostengünstig per Schiff oder Pipeline ans Festland transportieren. Die Deutsche Energieagentur prophezeit in ihrer aktuellen Leitstudie “Grünen Brennstoffen“ eine große Zukunft. Die Energiewende werde ohne große Mengen an „Green Fuels“ nicht gelingen.

Soweit die Theorie. Bis die Vision konkretere Gestalt annimmt, dürften noch einige Hürden zu nehmen sein. Dazu gehören erhebliche Bedenken von Naturschützern. Als Standort hat man sich ausgerechnet die Doggerbank ausgesucht, eine Flachwasserzone im Grenzgebiet von Norwegen, Großbritannien, Deutschland, der Niederlande und Dänemark.

Der Großteil des Gebiets ist Natura 2000-Gebiet und steht unter Naturschutz. Für Windparks war das Gebiet bislang weitgehend tabu, obwohl die Branche schon lange ein Auge auf die Region geworfen hat. Bislang hat lediglich Großbritannien den Schutz gelockert und grünes Licht für vier Windparks gegeben, die derzeit gebaut werden. In Deutschland gilt bislang das Prinzip, solche Anlagen nur außerhalb von Meeresschutzgebieten zu bauen.

Ein Alptraum für Meeresschützer

Gelingt es Tennet, seine Pläne umzusetzen, würde dies die Industrialisierung der Nordsee wohl weiter vorantreiben. Die Doggerbank umfasst rund 11.000 Quadratkilometer, das Ausmaß der Insel wäre mit gerade einmal sechs Quadratkilometern zwar zunächst bescheiden, aber Naturschützer fürchten, dass mit dem Stützpunkt ein Einfallstor geöffnet würde, um danach große Gebiete mit Windrädern „vollzupflastern“.

Für so manchen Meeresschützer wäre das ein Alptraum. Die Doggerbank ist bekannt für ihren Artenreichtum: Im Meeresboden leben jede Menge Muscheln, Würmer und Krebse. Weichkorallen und Wellhornschnecken besiedeln den Boden. Die Doggerbank ernährt große Schwärme von Sandaalen, Kabeljau, Scholle, Flunder und Seezunge und zieht dadurch hungrige Seevögel wie die Dreizehenmöwe und den Basstölpel an. Auch Robben, Delfine und Schweinswale fressen sich dort satt.

»Es wäre ein eklatanter Widerspruch rund ein Drittel der Bank für Bodenschleppnetze zu sperren und gleichzeitig große Flächen frei zu geben, um eine künstliche Insel aufzuschütten.«

Um die bunte Vielfalt zu bewahren, wird seit Jahren über die Einschränkungen der Fischerei in dem Gebiet diskutiert. Das absehbare Verbot der Bodenschleppnetzfischerei in großen Teilen der Doggerbank durch die EU ist dazu ein erster Schritt.

Für Stephan Lutter, Naturschützer vom WWF Deutschland geht die Einschränkung der Fischerei in die richtige Richtung. Sie ist zugleich ein Indiz, dass es nicht so leicht werden dürfte, eine Genehmigung für die künstliche Insel zu bekommen. „Es wäre ein eklatanter Widerspruch rund ein Drittel der Bank für Bodenschleppnetze zu sperren und gleichzeitig große Flächen frei zu geben, um eine künstliche Insel aufzuschütten.“In Deutschland sei das Projekt aufgrund der im November 2017 erlassenen Schutzgebietsverordnung „nicht genehmigungsfähig“.

Welche Auswirkungen die Aufschüttung der Insel auf die empfindliche Meeresumwelt haben könnte, wird vor dem ersten Spatenstich zu klären sein. Bis dahin dürfte noch einiges Nordseewasser die Priele hinunterfließen.

Tennet-Sprecher Mathias Fischer rechnet mit einer Fertigstellung nach 2030: „Der Bau selbst dürfte noch das Einfachste am ganzen Projekt werden. Jetzt geht es erst einmal darum, sorgfältig zu planen und die offenen Fragen zu klären“. Davon gibt es noch eine ganze Menge. Neben den beteiligten Partnern, dem exakten Standort und der nötigen Technik gehört dazu die Finanzierung. Konkrete Abschätzungen hat das Unternehmen bislang nicht vorgelegt, aber man könne davon ausgehen, dass sich die Gesamtkosten auf einen „niedrigen zweistelligen Milliardenbereich“ belaufen werden, so Fischer.

Ob das ehrgeizige Vorhaben tatsächlich umgesetzt wird, dürfte von der Entwicklung des Strompreises und den energiepolitischen Vorgaben der nächsten Jahre abhängen. Kritik kommt auch von Dr. Corine Veithen von LichtBlick: „Offshore-Anlagen sollen in den kommenden Jahren massiv ausgebaut werden. Die klaren Vorteile sind, dass auf See immer Wind ist – und es keine Anwohner gibt, die klagen könnten. Doch solche Windparks sind weit entfernt von der Idee der dezentralen Energiewende, die es vielen Bürgern ermöglicht, sich zu beteiligen. Und es zeigt sich immer wieder, dass mit der Beteiligung auch die Akzeptanz für den Ausbau der Erneuerbaren steigt. Mit großen Offshore-Anlagen liegt die Hoheit wieder bei einem Konzern und es müssen große Stromtrassen gebaut werden, um den Strom dorthin zubringen, wo er benötigt wird.“ Gut möglich, dass die Insel letztlich eine Nummer kleiner ausfällt. Aktuell arbeitet Tennet an der Vernetzung eines holländischen mit einem britischen Windpark, um den Stromtransfer flexibler zu gestalten. Ob sich diese Projekt zu einem Vorläufer der Hochseeinsel entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

Es sieht derzeit danach aus, als ob Helgoland sein Alleinstellungsmerkmal zumindest noch eine ganze Weile behalten dürfte.

Autor: Jörn Ehlers

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